Stellungnahme zur möglichen Gründung einer zweiten Gesamtschule in Wesel

Wesel, den 30. April 2018

Sehr geehrte Frau Bürgermeisterin Ulrike Westkamp,

bezugnehmend auf den Artikel in der Rheinischen Post vom 26.04.2018 möchten wir, die Schulgemeinde des Konrad-Duden-Gymnasiums, Position beziehen und Ihnen darlegen, warum wir die Gründung einer zweiten Gesamtschule in Wesel nicht befürworten. Wir halten die derzeitige Krise für selbstverschuldet und für völlig unnötig. Durch schulpolitische Fehlentscheidungen in der Vergangenheit (Schließung der gut laufenden Haupt- und Realschule in der Innenstadt) gibt es nun - aus unserer Sicht überhaupt nicht überraschend - zu wenige Plätze für die Kinder mit Hauptschulempfehlungen in Wesel.

Was gegen die Gründung einer zweiten Gesamtschule spricht

Eine detaillierte Analyse der Anmeldezahlen an den Weseler Schulen in Bezug auf die Grundschulempfehlungen vorzunehmen, ist eine wesentliche Voraussetzung in der Schulentwicklungsplanung. Analysiert man die Anmeldezahlen an den verschiedenen Schulen Wesels genauer, ist eines offenkundig: es gibt keine Kinder mit gymnasialer Eignung für eine zweite Gesamtschule in Wesel und damit für eine fünfte gymnasiale Oberstufe (neben den vier bereits bestehenden: AVG, KDG, Gesamtschule am Lauerhaas, Berufskolleg Wesel.) 225 Kinder mit gymnasialer bzw. eingeschränkter gymnasialer Empfehlung wurden zum kommenden Schuljahr an den beiden Gymnasien sowie an der Gesamtschule am Lauerhaas angemeldet. Die Eltern dieser 225 Kinder haben sich mit großer Mehrheit für die beiden Gymnasien entschieden. 88% aller Kinder mit gymnasialer Eignung werden im kommenden Schuljahr an den beiden Gymnasien unterrichtet. Die große Mehrheit der Bevölkerung bevorzugt das Gymnasium, wenn die Kinder eine gymnasiale Eignung haben. Damit widerspricht die Gründung einer zweiten Gesamtschule doch deutlich dem Elternwillen.

Ausgangspunkt der Überlegungen zu einer zweiten Gesamtschule scheinen die Anmeldezahlen der Gesamtschule für das kommende Schuljahr zu sein. Von 242 Interessenten wurden 26 Kinder an der Gesamtschule am Lauerhaas vorläufig abgelehnt, alle 26 haben eine Hauptschul-Empfehlung. Hier zeigt sich, welches Schulangebot wirklich in Wesel fehlt. Kann dies das Motiv für die Gründung einer neuen zweiten Gesamtschule sein? Nicht, wenn man den Anspruch des Gemeinsamen Lernens an einer Gesamtschule wörtlich nimmt. Es bleibt dabei: es fehlen für eine zweite Gesamtschule vor allem die Kinder mit gymnasialer Eignung. Eine weitere Gesamtschule wird keine Oberstufe bilden können. Ein Blick in die Nachbarkommunen bestätigt diese Vermutung. Dort fehlen schon jetzt Schülerinnen und Schüler für die Bildung einer gymnasialen Oberstufe an neuen Gesamtschulen.

Neben zwei Gymnasien und einer Realschule wird eine zweite Gesamtschule schleichend zu einer vom Rat der Stadt Wesel 2015 abgelehnten Sekundarschule. Die Konrad-DudenRealschule ist der derzeitige Verlierer, ausgelöst durch die in der Vergangenheit getroffenen schulpolitischen Fehlentscheidungen. Die Konrad-Duden-Realschule soll die 26 an der Gesamtschule abgelehnten Kinder (ohne RS-Empfehlung) in die kommenden Klasse 5 aufnehmen. Tatsache ist, dass hier der Paragraph 132c des Schulgesetzes (Sicherung von Schullaufbahnen) falsch interpretiert wird. Denn ein Hauptschulzweig an einer Realschule ist explizit nur für die Rückläufer ab Klasse 7 vorgesehen.

Wenn eine zweite Gesamtschule in Wesel gegen den Elternwillen politisch durchgesetzt wird, gibt es nur eine Möglichkeit: Schließung eines der beiden Gymnasien bzw. Begrenzung der Zügigkeit der Gymnasien durch den Schulträger. Derzeit ist das AVG vierzügig, das KDG fünfzügig. Würde man z.B. beide Gymnasien zusammen auf 6-7 Züge deckeln, gäbe es rechnerisch ca. 40-50 Schüler mit Gymnasialempfehlung für eine weitere Gesamtschule. Aber: Die Rechnung wird mit Sicherheit nicht aufgehen. Eltern von Kindern mit einer gymnasialen Eignung werden sich bei begrenzten Gymnasialplätzen in Wesel nach Alternativen umschauen und diese finden, z.B. das benachbarte Gymnasium in VoerdeFriedrichsfeld oder aber auch Gymnasien in Rees, Bocholt, Rheinberg. Wir sind uns sicher: sie werden von dem für sie unattraktiv gewordenen Schulstandort Wesel in die umliegenden Kommunen abwandern und werden längere Schulwege für ihre Kinder in Kauf nehmen. Nicht nur der Schulstandort Wesel, sondern auch der Wirtschaftsstandort wird sich verschlechtern. Dies steht im krassen Gegensatz zu dem derzeitigem Bemühen, durch eine Werbekampagne die Attraktivität Wesels zu steigern („Ein perfektes GemischFachkräfte in Wesel“).

Das Interesse an der Gesamtschule für Eltern z.B. mit Kindern, die eine eingeschränkte gymnasiale Empfehlung haben, wird außerdem auch noch geringer, weil der „Wettbewerbsvorteil“ der Gesamtschulen, nämlich 9 Jahre bis zum Abitur, mit der geplanten Rückkehr der Weseler Gymnasien zu G9 hinfällig wird.

Auch wenn wir in der Presse von einer Bestandsgarantie lesen, kann uns das nicht in Sicherheit wiegen. Denn eines ist klar: ob Schließung oder Begrenzung der Zügigkeit, beide Varianten werden die Qualität und Vielfalt der Weseler Gymnasien deutlich einschränken. Denn die Größe einer Schule macht beispielsweise wegen der geringeren Wahlmöglichkeiten in der Oberstufe einen sehr großen Unterschied. Außerdem kooperieren KDG und AVG seit langem sehr erfolgreich in der Oberstufe, sodass gewährleistet ist, dass auch in naturwissenschaftlichen Fächern zuverlässig Leistungskurse zustande kommen und das vollständige Fächerangebot realisiert werden kann (z.B. Informatik-Leistungskurs, Physik-Leistungskurs, Chemie-Leistungskurs). Mit der Wahl dieser Leistungskurse hängt auch die erfolgreiche Wettbewerbsteilnahme zusammen, ebenfalls die Profilbildung der Schulen (wie z.B. MINT, bilingualer Zweig). All dies würde stark eingeschränkt, was absolut nicht in unserem Sinne sein kann, und auch nicht im Sinne der Stadt Wesel und im Sinne der externen Partner des KDG, wie etwa Byk-Chemie und Clyde Bergemann.

Das, was uns veranlasst, uns heute zu positionieren, ist die große Sorge, dass die Gymnasien und damit alle Kinder mit gymnasialer Eignung die Verlierer bei der aktuellen Schulentwicklung in Wesel sein werden. Denn unweigerlich wird man zwei sehr gute, sehr erfolgreiche und sehr beliebte Gymnasien qualitativ verschlechtern (ohne darüber öffentlich zu sprechen). Dagegen wehren wir uns. Das Konrad-Duden-Gymnasium gehört mit seinen 676 Jahren zu einem der ältesten Deutschlands, es genießt über die Stadtgrenzen hinaus einen sehr guten Ruf, wir sind ein bilinguales Gymnasium und eine MINT-Schule, viele Schülerinnen und Schüler sind am KDG sehr erfolgreich. Wir leisten hier außerordentlich erfolgreiche Arbeit und bieten hohe Qualität und dieser Erfolg wird durch hohe Anmeldezahlen jedes Jahr bestätigt (die Qualitätsanalyse durch die Schulaufsicht im vergangenen Jahr hat dies ebenfalls aktuell bestätigt).

Ein Blick in den Koalitionsvertrag zeigt die Richtung sehr deutlich: der Vertrag garantiert die Vielfalt und Qualität der Bildung (d.h. auch Schulformen) und wendet sich klar gegen die Benachteiligung von Gymnasien: „Wir wollen die Gleichbehandlung aller Schulformen wiederherstellen. Die Benachteiligung von Realschulen und Gymnasien werden wir beenden. (…) Eltern wünschen sich vielfältige und qualitativ hochwertige Schulangebote, weil sich auch die individuellen Neigungen der Kinder und Jugendlichen unterscheiden. Daher wollen wir ein vielfältiges Schulangebot sicherstellen und alle Schulen qualitativ verbessern. (…)“

Was gegen das Schulzentrum Nord als Standort der neuen Gesamtschule spricht

Größte Irritationen hat der Hinweis hervorgerufen, dass das Schulzentrum Nord ein möglicher Standort für eine Gesamtschule werden könnte, denn wir fragen uns dabei: Und wo sollen wir dann mit dem KDG hin? Oder gibt es uns dann bald nicht mehr? Wird dies ein schleichender Prozess sein?

Eines steht fest: In die Räume der dreizügigen Konrad-Duden-Realschule im Halbtagsbetrieb passt definitiv keine vierzügige Gesamtschule im Ganztagsbetrieb! Das KDG ist ein fünfzügiges Ganztagsgymnasium. Wir können keine Räume abgeben, denn unsere Raumsituation ist bereits jetzt schon äußerst angespannt. Durch die geplante Rückkehr zu G9 brauchen wir bis 2023 mindestens 5 zusätzliche Klassenräume für eine 13. Stufe. Wie soll das alles funktionieren?

Wir möchten außerdem ausdrücklich auf die traditionell über Jahrzehnte gewachsene sehr gute Zusammenarbeit und Kooperation mit der Konrad-Duden-Realschule hinweisen. Dies wollen wir zukünftig fortführen.

Wir fordern Mitspracherecht und Transparenz!

Uns hat der Zeitungsartikel vom 26.04.2018 wirklich sehr empört. Es drängt sich die Frage auf, warum die Öffentlichkeit und diejenigen, die es betrifft, erst aus der Zeitung davon erfahren. Dass eine zweite Gesamtschule sich negativ auf die Gymnasien in Wesel auswirken wird, haben wir oben ausgeführt. Wir haben wenig Verständnis für die intransparente Vorgehensweise, insbesondere auch vor dem Hintergrund, dass der Rat der Stadt Wesel am 7.11.2017 für die Weseler Schulen die Durchführung einer Schulraumentwicklungsplanung beschlossen hat. Hierzu wurde eine Steuergruppe aus Politik, Verwaltung, Schulleitungen und Stadtelternrat ins Leben gerufen, die sich auch bereits konstituiert hat und die bei ihrem nächsten Treffen in dieser Woche über das Vergabeverfahren (Auswahl des zu beauftragenden Büros für die Schulraumentwicklungsplanung) beraten wird. Uns drängt sich der Verdacht auf: Schulleitungen und Elternvertretern wurde suggeriert, dass sie bei der Schulraumentwicklungsplanung für Wesel Mitspracherecht hätten und dass sie ihre Expertise einbringen können. Dies wird konterkariert, wenn in Hinterzimmern eine Woche vor dem zweiten Steuergruppentreffen die Entscheidungen ohne die Beteiligten vorbereitet werden.

Diese negative Erfahrung haben die Schulleitungen und der Stadtelternrat bereits vor zwei Jahren gemacht, als ein Arbeitskreis zur Schulentwicklung in Wesel intensiv getagt hat und dann die abschließenden Empfehlung einfach ignoriert und die Gesamtschule auf 8 Züge vergrößert wurde. Wir wollen keine gravierende Verschlechterung des Schulstandorts Wesel! Eltern soll auch zukünftig eine „echte“ Wahlmöglichkeit in Wesel geboten werden! Der Schulstandort „Schulzentrum Nord“ soll mit KDG und KDR erhalten bleiben.

Karen Schneider (Schulleiterin), Ulrike Freund (Schulpflegschaft), Moritz Bohlen (Schülersprecher)

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