Geschichte wird wieder lebendig

 

12.05.2015 Wesel. Jörg Baesecke ist derzeit mit seinem Erzähltheater "Papier.Krieg" deutschlandweit unterwegs. Jetzt machte er Station im Bühnenhaus.

Trauerarbeit. Was für ein Wort! Jörg Baesecke winkt ab. Könnte glatt in anderen Sprachen Einzug halten, wie "Kindergarten" im Russischen. Als ebenso ungeeignet verwarf der Schauspieler die Idee, den Nachlass der Mutter als Lesung auf die Bühne zu bringen. Eine Kerze, dahinter er, umgeben von Papieren, Briefen, Fotografien. Zum Glück ist der Mann Profi und hat sich für einen spielerischen Zugang entschieden. Für ein besonderes, ein verwunschenes Memory-Spiel.

Das dreht er nun im Bühnenhaus um, Karte für Karte, und erzählt dem Publikum wie das war, in einem Jahrhundert zwischen zwei Kriegen, zwischen Trümmern, Aufbau und irgendwie zwischen allen Fronten. "Papier.Krieg" heißt das Erzähltheater, mit dem der gebürtige Weseler und Chef der "Kleinsten Bühne der Welt" durchs Land tourt. Jetzt machte er Station in Wesel, im Rahmen der Feierlichkeiten zum 70. Jahrestag des Kriegsendes. Zu sehen ist eine äußerst unterhaltsame Vergangenheitsbewältigung, privater und allgemeiner Natur, aber auch ein Stück deutsche Geschichte, von der der Theatermann seit der Schule weiß, "dass man sie nicht abwählen kann".

Das hat ihm sein Vater einst eingetrichtert und Gymnasiast Jörg hat's trotzdem gemacht, damals, um 1970. Im Gedächtnis behielt er den Satz dennoch, wie er überhaupt noch alles weiß. Wie er als Kind in den Trümmern spielte. Wie der Vater 690 D-Mark Entschädigung vom Staat für seine russische Gefangenschaft erhielt. Und wie tieftraurig der Luftschutzbunker seine Mutter zurückließ, die er immer aufheitern musste, ein Leben lang.

Baesecke dreht die Karten um. Ein Scherenschnitt zeigt ihn selbst mit der Kerze am Tisch, als er den Nachlass der verstorbenen Mutter sortierte - Anlass für den "Papier.Krieg". Das nächste Blatt: eine grüne Wiese. Nanu? Das Publikum rätselt, Baesecke grinst. "Das ist ein Fußballfeld, 1990, Italien, Deutschland schlägt England." Ex-Kanzler Kohl, erzählt er, trumpfte auf, man habe England in seiner Nationalsportart besiegt. "Dafür haben wir die Deutschen zweimal in ihrer Nationalsportart besiegt", entgegnete Ex-Premier Thatcher. So geht es Zug um Zug. Mal zeigt Baesecke Grafiken, die den Schnee darstellen oder die Sterne, mal das Bild einer Haubenlärche, die nach dem Krieg in Schwärmen in die Städte zurückkehrte. Traurig sind seine Erzählungen, aber auch abgrundtief komisch. Am Ende ist das 20. Jahrhundert an uns vorbeigeflogen. Wir bleiben zurück, ein Glück.

Quelle: P.K.

 
Wesel. Da sag' nochmal jemand, Jugendliche interessierten sich nicht für Politik. Wer jüngst in den Ratssaal kam, blickte fast nur in junge Gesichter. Dabei lag der Anlass der Sitzung 70 Jahre zurück, als der Zweite Weltkrieg am 8. Mai 1945 endete, waren selbst die meisten Eltern der Schüler noch nicht geboren. "Es ist beachtlich, dass sich junge Menschen mit Ereignissen auseinandersetzen, die sich lange vor ihrer Zeit ereigneten", würdigte Heike Kemper als Kulturbeauftragte der Stadt den Einsatz für das Gedenken an einen Krieg, der Wesel geprägt habe. "70 Jahre Frieden" war der Abend übertitelt, versammelt waren Schüler des Konrad-Duden- und Andreas-Vesalius-Gymnasiums. Sie hatten sich im Kunstunterricht mit dem Thema auseinandergesetzt. Doch bevor man einen Blick auf die Fotos und Skulpturen werfen konnte, wurde mit Gästen aus Rats- und Landtagspolitik dem Kriegsende gedacht. Bürgermeisterin Ulrike Westkamp zitierte aus einer Rede Richard von Weizsäckers von 1985, erinnerte an 60 Millionen Tote, die der Krieg forderte. Im Anschluss schoben sich die Gäste durch die Kunstausstellung. Die jungen Leute des AVG präsentieren eine Mischung aus Fotografie und Theater. Für die Schau zogen sie Uniformen verschiedener Nationen an, posierten vor Weseler Gebäuden, fotografierten sich. Die Ausstellung ist bis zum 26. Juni in der ersten Etage des Rathauses während der üblichen Öffnungszeiten zu sehen. Beteiligt sind Schüler des Konrad-Duden-Gymnasiums und des Andreas-Vesalius-Gymnasiums. Sie arbeiteten mit den Kunstlehrerinnen Beate Florenz-Reul, Marie-Paule Neu und Karina Wissen. Quelle: P.K.

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