Musical-Darsteller Marcel

 

 „Ich kann auch schon mal vorlaut sein – wie Florian“

25.06.2013, Niederrhein Nachrichten

REES/OBERHAUSEN. Wie viel Florian steckt in Marcel? „Ich bin eine Mischung“, sagt Marcel mit einem verschmitzten Lächeln. „Eigentlich sagt man mir immer, dass ich ein lieber Typ bin. Ich kann aber auch mal vorlaut sein – wie Florian.“ Marcel ist zwölf Jahre alt, heißt mit Nachnamen Walther und kommt aus Rees. Florian ist der Name seiner Rolle, die er im Udo-Jürgens-Musical „Ich war noch niemals in New York“ in Oberhausen spielt.   Ganz schön lässig: Marcel Walther setzte sich gegen 19 Mitbewerber durch und spielt zwei- bis dreimal im Monat die Rolle des Florian in „Ich war noch niemals in New York“. Foto: Veranstalter Der vierte Auftritt als Florian ist für Marcel etwas Besonderes: Es ist sein zwölfter Geburtstag. „Meine Eltern haben jeden Monat einmal Freikarten, und da dachte ich, es wäre doch schön, an meinem Geburtstag zu spielen.“ An der Musical-Crew geht der Jubeltag ebenfalls nicht unbemerkt vorbei. „Das war‘s für heute, ihr dürft nach Hause gehen“, schallt es nach der Show durch die Backstage-Korridore des Metronom-Theaters. „Und: Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Marcel!“ Als der Zwölfjährige das erzählt, strahlt er übers ganze Gesicht. Dass er gerade einen Auftritt hinter sich hat – immerhin die größte Kinderrolle Deutschlands in einem Musical –, ist ihm nicht anzumerken. „Manchmal bin ich nach einem Auftritt zeimlich kaputt“, sagt Marcel, „aber manchmal würde ich die Show am liebsten noch mal spielen.“ Es ist klar: Der Junge ist begeistert von Musicals und der Arbeit eines Darstellers. Spaß an der Musik habe er schon immer gehabt, versichert Marcel. Erste Berührungspunkte mit der Schauspielerei gab es bereits in der Schule, dort spielte Marcel im Theaterstück „Herodes“ mit. Das erste Musical, das er sah, war „Starlight Express“ in Bochum. Dort nahm er vor einigen Jahren an einem dreitägigen Workshop teil. „Wir haben Rollschuhlaufen und das Tanzen auf Rollschuhen gelernt“, erzählt er. Am dritten Tag trat die ganze Gruppe vor Eltern und Freunden auf. „Es war super, auch das Fernsehen war da und hat einen Bericht über uns gedreht.“ Über eine Arbeitskollegin seines Vater erfuhr die Familie davon, dass die Produktionsfirma für Udo Jürgens‘ Musical weitere Kinderdarsteller sucht. „Ich kannte den Titelsong von einem Musical-Remix, den ich mal gesehen hatte“, erzählt Marcel. Er bewarb sich und nahm an einer Vorausscheidung im Januar teil. Es folgten drei Workshops mit 19 weiteren Jungen. „Als ich sie alle in Oberhausen zum ersten Mal sah, dachte ich: Wie soll ich das nur schaffen?“, erinnert sich Marcel. „Ich wusste, dass ich gut singen kann. Aber es war fraglich, ob ich gut genug bin.“ Singen allein stand aber nicht auf dem Lehrplan für die angehenden Musicaldarsteller. Auch das Schauspielen und Tanzen wurde geprobt. „Singen und schauspielen fiel mir leicht, aber mit dem Tanzen hatte ich anfangs ziemliche Schwierigkeiten“, erzählt Marcel. Doch mit der Unterstützung von Kindercoach Thomas Hirschfeld meisterte er auch dies. „Ich habe die Lieder zu Hause geübt“, sagt Marcel. Auch das heimische Wohnzimmer wurde regelmäßig zum Tanzstudio. „Ich habe zweimal das komplette Stück allein geübt, bei den schwierigen Szenen waren danach meine Eltern dabei.“ Vor der Entscheidung im März, welche fünf der 20 Jungen für die Rolle des Florian ausgewählt wurden, standen noch die Bühnenproben im Metronom-Theater an. Dazu kamen auch der Dirigent und die künstlerische Leitung des Musicals. Die Jungen löcherten natürlich Thomas Hirschfeld mit der Frage: Wer wird‘s? „Thomas hat aber nichts gesagt, er hatte immer ein Pokerface aufgesetzt“, erinnert sich Marcel mit einem Lachen. „Er hat nur gesagt: Wir werden ja sehen.“   Zwei bis drei Auftritte absolviert Marcel jeden Monat, singt dabei „Mit 66 Jahren“ allein. Nach dem für den jungen Reeser positiven Bescheid folgten intensive Proben während der Osterferien – und am 27. April der erste Auftritt vor Publikum. „Beim Umziehen war ich überhaupt nicht aufgeregt“, erzählt Marcel. „Als ich aber den ersten Satz sagen sollte, war ich ziemlich nervös.“ Das legte sich aber recht schnell, und mittlerweile „ist es zwar nicht Alltag, aber ich weiß ja, was kommt.“ So ganz stimmt das allerdings nicht. Bei seinem Geburtstagsauftritt löst sich während der Szene am Hafen eine Kette, die „Florian“ am Gürtel trägt, und schleift hinter ihm her über die Bühne. Das Publikum bekommt davon nichts mit – auch, weil sich Marcel davon nicht ablenken lässt. „Ich habe einfach weitergemacht, und einer der anderen Schauspieler hat die Kette in einem passenden Moment schnell abgemacht“, erzählt Marcel. Zwei bis drei Auftritte absolviert Marcel jeden Monat, singt dabei „Mit 66 Jahren“ allein und vier weitere Stücke zusammen mit den anderen Darstellern. Bei „Aber bitte mit Sahne“ übernimmt er den Rap-Part. Bis zum 24. Oktober läuft das Musical noch in Oberhausen, dann ist für Marcel die Zeit als „Florian“ beendet. Mit der Musical-Schauspielerei soll es aber weitergehen. „Ich hoffe, dass noch einmal die Chance für so eine Bewerbung kommt“, sagt der Zwölfjährige. „Denn ich würde es später gerne auch beruflich machen. Es ist sehr interessant und macht richtig viel Spaß.“ Michael Bühs

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