Dann rückt der Holocaust ganz nah

 
 

Schüler des Konrad-Duden-Gymnasiums gestalteten Gedenken und Stadtführung zur Erinnerung an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz

Gabi Schultze in NRZ vom 28.1.2012

Wesel. Zahlen, Daten, Fakten zum Holocaust haben wir alle mehrfach gehört. Sie sind furchtbar erschreckend und unfassbar, bleiben aber - vielleicht gerade deshalb - irgendwie abstrakt und weit weg. Außer, es geht plötzlich um persönliche Geschichten aus der eigenen Stadt. Um Menschen aus Wesel, bekannte Familien, die von Nationalsozialisten verfolgt, deportiert und ermordet wurden. Dann rückt der Holocaust ganz nah. Welche Lücken das Dritte Reich in das Weseler Stadtbild riss, das demonstrierten Schüler des Konrad-Duden-Gymnasiums (KDG) gestern anschaulich. Zum Gedenktag zur Erinnerung an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz gestalteten die Mädchen und Jungen eine Feier im Willibror-di-Dom und stellten dabei das Bild Wesels als Puzzle in den Mittelpunkt. Mit jedem Namen, den sie nannten, jedem zerstörten Geschäft oder der brennenden Synagoge rissen die Schüler ein Puzzleteil aus einem großen Wesel-Schriftzug heraus. Hauptsächlich Neuntklässler waren an der Gestaltung der Feier beteiligt, unterstützt von Lehrern und Schülern anderer Jahrgangsstufen. Die Jugendlichen hatten sich viel Mühe. Sie widmeten sich dem Thema mit dem nötigen Ernst und Respekt, ohne dabei in aufgesetzter Traurigkeit zu versinken.

Jüdisches Leben in Wesel

Wo vor 1933 Geschäfte jüdischer Familien waren und wo jüdische Jungen zur Schule gingen, das sahen sich im Anschluss an die Feier und eine Kranzniederlegung am Mahnmal rund 40 Teilnehmer an. Eine Gruppe von Schülern bot eine Stadtführung „Jüdisches Leben in Wesel“ an. Mehrere Wochen lang suchten die Jugendlichen im Stadtarchiv mit Referendar Frank Wendel und Archivar Volker Kocks nach Spuren jüdischer Menschen in der Stadtgeschichte. Vom Dom aus ging es zunächst zum Amtsgericht, wo früher das Städtische Jungengymnasium - der Vorläufer des Konrad-Duden-Gymnasiums - war, das auch jüdische Schüler besuchten. Zum Beispiel Erich Leyens, dessen Familie ein bedeutendes Textilgeschäft am Großen Markt hatte. Dort, wo heute die Volksbank ist. 1930 übernahm Erich Leyens das Geschäft seiner Eltern, das zu diesem Zeitpunkt noch zahlreiche Kunden aus Wesel und der Umgebung anlockte. Schon drei Jahre später musste Leyens Flugblätter verteilen und um Loyalität seiner Familie gegenüber bitten. Die Nazis hatten zum Boykott jüdischer Geschäfte aufgerufen. Erich selbst konnte fliehen. Er wurde 103 Jahre alt. Seine gesamte Familie starb im KZ.

Was der Holocaust heute bedeutet? Diese Frage stellte Ulrike Westkamp. „Ist es nicht Zeit, das schwärzeste Kapitel deutscher Geschichte ruhen zu lassen?“ „Nein“, beantwortete die Bürgermeisterin ihre Frage selbst. Antisemitisches Denken und Rechtsradikalismus seien in der Gesellschaft nach wie vor weit verbreitet und würden über das Internet leicht weiter verstreut. „Die Ereignisse sind zwar Geschichte, aber vergessen dürfen wir sie nie.“

 
 

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