Übrig bleibt das Nichts

 
 

Präventionsprojekt "Crash-Kurs“ soll jungen Fahrern Gefahren aufzeigen
von Margret Brüring in NRZ vom 22.9.2011
Wesel. "Ich hoffe, dass ich nie vor der Tür deiner Eltern stehen muss!“ Diesem Wunsch von Notfallseelsorgerin Eva Holthuis kann man sich nur aus tiefstem Herzen anschließen. Und das werden sich auch die 16-bis 19-Jährigen wünschen, nachdem sie gestern an der Auftaktveranstaltung des Präventionsprojektes „Crash-Kurs - Realität erfahren. Echt hart“ teilgenommen haben. Beklemmende Fotos, erschreckende Videos von folgenschweren Verkehrsunfällen und eindringliche Schilderungen der ersten Helfer vor Ort halten hoffentlich die Schülerinnen und Schüler des Konrad-Duden-Gymnasiums und der Realschule davon ab, durch riskante und lebensgefährliche Manöver im Straßenverkehr zu verunglücken.
„Komm zurück, Du darfst nicht sterben". Diesen Hilferuf eines 17-Jährigen, der gerade erlebt hat, wie sein Kumpel nach einem Verkehrsunfall gestorben ist, wird Anna Lantermann nie vergessen. Die heute 25-jährige Polizistin hatte im Rahmen ihrer Ausbildung ihr erstes Praktikum, als sie zu diesem Verkehrsunfall auf der B 58 kurz vor der Autobahnauffahrt Wesel gerufen wird. Ihre eigenen Gedanken, ihr Bemühen um die unter Schock stehende Autofahrerin, das alles schilderte sie gestern den knapp 200 Gymnasiasten und Realschülern. Die hören der jungen Polizisten ebenso aufmerksam zu wie anschließend Franz-Josef Kuhmann. Der Unfallsachbearbeiter bei der Kreispolizei in Wesel ist nüchtern in seiner Analyse, aber nicht weniger eindringlich in seinem Appell an die Vernunft der jungen Leute.
Frieder Tischkewitz ist seit 23 Jahren bei der Feuerwehr in Wesel, ist dort Leiter des Rettungsdienstes und hat schon eine Menge gesehen. Zum Beispiel die Folgen eines misslungenen Autorennens auf der Nordstraße. „Wir müssen gegen die Zeit arbeiten, um Leben zu ermöglichen“, stellte er fest und lieferte schockierende Bilder eines Unfalls, bei dem vor wenigen Wochen auf der B 8 bei Bergerfurth ein 25-Jähriger starb.

Beklemmender Beitrag

„Das sind Situationen, die einem das ganze Leben lang nachgehen“, muss der Weseler Dr. Frank Marx, als Ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes der Feuerwehr Duisburg häufig mit dem Rettungshubschrauber unterwegs, zugeben. Auch er bekräftigt seine Aussagen mit Fotos, die die Betrachter zusammenzucken lassen. Dass nichts wird wie vorher, weiß Notfallseelsorgerin Eva Holthuis nur zu gut, wenn sie zu einem Unfall gerufen wird. Beklemmend ist ihr Beitrag, mit dem sie ihre jungen Zuhörerinnen und Zuhörer über einen Einsatz aus dem Jahr 2009 in Bislich konfrontiert. Die Weselerin, die vor zwölf Jahren neben ihrem Pfarrberuf auch die Aufgabe der Notfallseelsorge übernommen hat, musste nach dem Tod einer 20-jährigen Autofahrerin versuchen, den Angehörigen in den ersten Stunden Beistand und Trost zu leisten. Dass sie dabei nicht selten an ihre eigenen Grenzen stößt, machte Eva Holthuis den aufmerksam zuhörenden Jugendlichen deutlich. „Die Seele brennt“, sagt die Pastorin und ihre Zuhörer können nachvollziehen, was sie meint.
Doch nicht nur die Beiträge der Weseler Helfer schockieren und rütteln auf. Fotos von tödlich verunglückten jungen Verkehrsteilnehmern werden gezeigt. Ergänzend, aber nicht minder erschreckend sind die -gestellten- Unfall-Videos aus England.
„Überraschend gut“, lautete das Urteil befragter Schüler.„Wir sind sehr skeptisch gewesen, ob das Eindruck hinterlässt oder wir etwas lernen können“, beschrieb der 17-jäh-rige Manuel. Aber diese Skepsis sei schnell gewichen. „Die Schilderungen der Seelsorgerin haben mich sehr berührt. Mir kamen die Tränen“, gestand Anne (19). Wie ihr, ging es übrigens vielen an diesem Morgen.

DAS ZIEL UND DIE BOTSCHAFT:  Lebensträume nicht gefährden

Damit die Lebensträume junger Menschen nicht platzen, haben die Verantwortlichen im Kreis Wesel bei der Umsetzung des Präventionsprojektes „Crash- Kurs" nicht zuletzt auf Emotio­nen gesetzt.„Die Stille, die bei den Bildern bleibt, soll betrof­fen machen“, erläuterte Her­mann Nagels, Projektleiter bei der Kreispolizeibehörde, bei der Auftaktveranstaltung, die von Landrat Dr. Ansgar Müller eröffnet worden war. Termine in allen weiterführenden Schulen und Berufskollegs des Kreises werden folgen.
15 Verkehrstote, von denen fünf im Alter von 18 bis 24 Jah­ren waren, und 353 verletzte junge Menschen weist die Un­fallstatistik 2010 für den Kreis aus. „Hinter jeder Zahl stehen Menschen mit Schicksalen und Leid“, erinnerte der Landrat.

 

Projekt "Crash-Kurs" sorgt bei Schülern für Betroffenheit

VON ISABELL HÜLSER in RP vom 21.9.2011
WESEL „An der Unfallstelle war es ganz ruhig, bis auf den Freund des Verletzten, der schrie: "Komm zu­rück", erzählt Polizistin Anna Lantermann von ihrem ersten „VU mit" (Verkehrsunfall mit Personenscha­den) während ihrer Ausbildung 2007. Ein 17-jähriger Radfahrer war nachts plötzlich auf die Straße ge­fahren und dort mit dem Auto einer 24-Jährigen zusammengestoßen. „Ich sollte mich um die Frau küm­mern, die sagte: "Ich habe einen Menschen getötet", erinnert sich die 25-jährige Polizistin an den Vor­fall vor vier Jahren, bei dem der Ju­gendliche verstarb. In der Aula des Konrad-Duden- Gymnasiums ist es ganz still. Die Schüler, die kurz zuvor noch mun­ter geplaudert haben, sind betrof­fen.

Schon 15 Tode 2011 im Kreisgebiet

„Crash-Kurs NRW. Realität erfah­ren. Echt hart!“ lautet der Titel der kreisweiten Veranstaltung, die ges­tern am Konrad-Duden-Gymnasi um Premiere feierte. Das Projekt zur Unfallvergütung, das sich an 16 bis 19 Jahre alte Fahranfänger rich­tet, war nichts für Zartbesaitete. „Für Steffi (27) ist die Party zu Ende“, steht da geschrieben, zu se­hen ist ihr völlig zerstörtes Auto. Al­les ist voller Blut. Spätestens jetzt dürfte den Schülern klargeworden sein, was Hermann Nagels von der Kreispolizeibehörde meinte, als er sagte: „Es könnte sein, dass es je­mandem zu viel wird. Ihr könnt dann gerne raus gehen und Luft schnappen.“ Zahlreiche Bilder und die emotionalen Geschichten dazu ließen tatsächlich keinen der rund 200 Schüler kalt.
Betrunken Auto fahren, seine ei­genen Fahrkünste überschätzen, zu viel Risiko im Straßenverkehr ein- gehen - das alles kann schlimme Folgen haben. Wohin das führen kann, zeigten täuschend echt nach­gestellte Unfallvideos, Aufnahmen von Verkehrsunfällen mit Todesfol­ge und vor allem die Geschichten dahinter. Diese wurden von Weselern vorgetragen, die von Berufs wegen betroffen sind, wenn ein Ver­kehrsunfall passiert. Die Berichte von Polizei, Feuerwehr (Frieder Tischkewitz), Notarzt (Dr. Frank Marx) und Notfall-Seelsorger (Eva Holthuis) brachten die Schüler des KDG und der benachbarten Real­schule zum Nachdenken. "15 Men­schen wurden 2010 kreisweit bei Verkehrsunfällen getötet, im Sep­tember 2011 haben wir diese Ge­samtzahl bereits erreicht", so Land­rat Ansgar Müller.

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