Hannah Bisdorf schreibt aus Israel

 
 


Liebe Förderer, Familie, Freunde und Leser meines 1.Rundbriefes,

die ersten drei Monate meines Freiwilligen Friedensdienstes liegen nun hinter mir und somit ist nun Zeit für meinen ersten Rundbrief. Im Folgenden werde ich vor allem mein Projekt und meine Arbeit in Israel genauer beschreiben.

Ich arbeite und lebe in Ra’anana, einer Kleinstadt unweit von Tel Aviv. Dort befindet sich mein Projekt „Beit Perry“, ein Wohnheim für Menschen mit Autismus. Die hier lebenden Autisten (wir nennen sie Friends) sind zwischen 20 und 40 Jahre alt und aufgrund ihrer Fähigkeiten (low, middle und high) in drei verschiedene Häuser aufgeteilt. Insgesamt leben momentan 18 männliche und weibliche Friends in Beit Perry – in meinem Haus, dem middle function Haus, leben 6. Im Erdgeschoss hat jedes Haus einen großen Gemeinschaftsraum mit Küche, Ess- und Wohnbereich, sowie Computerraum, Toilette und Waschküche. Im Obergeschoss hat jeder Friend sein eigenes Zimmer mit Bad. Im  Untergeschoss befinden sich ein Fitness- und ein Mehrzweckraum (Kunst, Musik, Theater). In der Mitte des Hauses befindet sich ein Innenhof, der Rest ist von einem Garten umgeben.

Ich gebe Ihnen nun einen Überblick, wie mein Tagesablauf im Allgemeinen aussieht. Zu sagen bleibt aber noch, dass eigentlich jeder Tag anders ist und mir immer wieder Unvorhersehbares passiert. Die Struktur eines jeden Tages sollte allerdings immer die gleiche sein, da Routine für Autisten von sehr großer Bedeutung ist. Von 6-8 Uhr werden morgens die Friends geweckt, bekommen ihr Frühstück und werden für die Arbeit fertig gemacht. Vier arbeiten momentan in einer Firma, der Rest fährt zu einem Projekt, in dem Autisten aus der ganzen Region in einem Garten arbeiten, Tonarbeiten machen oder anderweitig beschäftigt werden. Zwischen 15 und 16 Uhr werden alle Friends wieder nach Beit Perry gebracht und dann beginnt die Nachmittagsschicht (2-3 Guides pro Haus). Auf einem großen Wochenplan in meinem Haus ist genau aufgelistet, welche Aktivität dann am Nachmittag ansteht. Bis dahin ruhen sich die meisten erst einmal aus. Gegen 17 Uhr gibt es dann einen kleinen Snack und wir Guides (Mitarbeiter) unterhalten uns ein wenig mit den Friends – Was hast du bisher gemacht? Was steht heute noch an? Sport, Shiatsu, Theater, Keramikarbeiten oder Fahrrad fahren folgen im Anschluss. Wenn keine feste Aktivität auf dem Plan steht, spielen wir Spiele, lösen Rätsel oder Matheaufgaben, lesen,  malen, oder gehen spazieren.  Danach gehen alle duschen, wobei einige dies selbstständig können, andere in meinem Haus brauchen eine kleine Hilfestellung. Jeden Abend wird dann gemeinsam das Essen vorbereitet. Sehr großen Wert legen wir darauf, dass die Friends weitestgehend in die Haushaltsführung mit einbezogen werden. Salat machen, Tisch decken, Spülmaschine ein- und ausräumen, sowie Wäsche waschen, aufhängen und zusammenfalten wird somit in Zusammenarbeit mit den Friends gemacht. Nach dem Abendessen schauen wir noch gemeinsam fern oder hören Musik. Zwischen 21 und 21:30 Uhr gehen die Friends schlafen und um 22 Uhr beginnt dann die Nachtschicht.

Wie bereits erwähnt, ist es für Autisten besonders wichtig eine klar geregelte Tagesstruktur zu haben. Deshalb schreiben zwei der Friends aus meinem Haus jeden Tag, wenn sie von der Arbeit kommen extra nochmal auf, was an dem jeweiligen Tag ansteht. Das verleiht ihnen vor allem Sicherheit. Bei vielen Friends kann man auch kleine Gewohnheiten beobachten. So trägt Ohad  eigentlich immer einen Stift oder ähnliches mit sich herum. Dabei läuft er nahezu ununterbrochen draußen oder im Haus auf und ab und redet – aufgrund seiner Schizophrenie – mit sich selbst und den Stimmen in seinem Kopf. Das Gemurmel ergibt wohl nicht immer Sinn, jedoch schnappe ich ab und an ein mir bekanntes hebräisches Wort auf. Manchmal fängt Ohad auch einfach laut an zu lachen, singt „Who let the dogs out“ oder tanzt den Ententanz – Sie können sich sicher vorstellen, dass mich solche Momente immer wieder zum Lachen bringen. Da Ohad nahezu immer in Bewegung ist, fällt es ihm vor allem schwer, wenn er gestresst ist, über einen längeren Zeitraum zu still zu sitzen. Er schaukelt dann oft mit seinem Oberkörper vor und zurück, um in Bewegung zu bleiben. Darüber hinaus gibt es aber auch Situationen, in denen ich völlig hilflos im Umgang mit Ohad bin. Als er vor ein paar Tagen wütend wurde, biss er sich immer und immer wieder in die Hand – eine Verhaltensweise, die allerdings nicht nur bei ihm erkennbar ist, sondern auch bei einigen anderen Friends, wenn sie etwas beunruhigt, aufregt oder wütend macht. Auslöser war, dass sein Vater am Tag zuvor, als er Zuhause war, einen Auflauf gemacht hat, den er so gar nicht ausstehen kann. Das hat ihn selbst am Tag danach noch aus der Fassung gebracht. Ansonsten ist es bisher immer noch schwer für mich, irgendwelche Aktivitäten mit Ohad zu machen, da er am liebsten irgendwelche Rätsel löst, die ich leider nicht lesen und verstehen kann. Hinzu kommt, dass ich bisher immer noch keinen Hebräischunterricht habe, sodass ich auch keine weitreichenden Gespräche mit ihm führen kann. Bei anderen Friends fällt es mir hingegen viel leichter, da sie gerne puzzeln oder ein Buch angucken. Momentan kann ich mir das Buch zwar nur vorlesen lassen, ich bin aber zuversichtlich, dass ich in einigen Monaten vielleicht auch mal ein einfaches Kinderbuch vorlesen und längere Gespräche mit den Friends führen kann. Nichtsdestotrotz macht mir meine Arbeit sehr viel Spaß und bei Beschäftigungen wie puzzeln oder malen brauche ich zum Glück nicht viel Hebräisch.

An Feiertagen oder am Wochenende machen wir mit den Friends Ausflüge. So waren wir schon in einem Wasserpark oder auf einem Konzert. Außerdem hatten wir vor einigen Wochen Besuch von einer Frau, die einige Tiere– unter anderem eine Schlange – mitgebracht hat. Hinzu kommt, dass ich das Glück hatte Ende September mit den Friends vier Tage in den Urlaub fahren zu dürfen. Gemeinsam fuhren wir in die Nähe von Tiberias an den See Genezareth. Dieser Urlaub war ein wirklich tolles Erlebnis für mich, da ich die Friends in einem ganz anderen Umfeld erleben konnte. Viele waren einfach viel entspannter und genossen die täglichen Aktivitäten und die andere Umgebung. Vor allem im See oder im Pool hatten einige Friends wahnsinnigen Spaß!

Ich habe mich wirklich gut in Israel eingelebt. Ich denke, vor allem die Offenheit und Freundlichkeit der anderen Guides hat dazu beigetragen, dass ich mich hier so wohl fühle. Da ich allerdings direkt im Projekt lebe, fehlt mir manchmal ein wenig der Abstand zur Arbeit. Deshalb versuche ich, sofern es meine Arbeitszeiten zulassen, mit den anderen Volontären etwas zu unternehmen.

Zurzeit leben wir mit insgesamt fünf Volontären in Beit Perry, davon ist allerdings nur einer israelisch. Glücklicherweise verstehe ich mich mit den anderen drei Deutschen sehr gut, sodass wir auch in unserer Freizeit vieles gemeinsam machen. Sofern möglich machen wir viele Ausflüge, wobei wir diese aufgrund des wöchentlichen jüdischen Shabbatfeiertages immer gut planen müssen. Von Freitagnachmittag bis Samstagabend fahren hier nämlich weder Busse, noch Züge und auch die Geschäfte sind alle geschlossen. Aufgrund Israels Größe werde und habe ich bereits jetzt schon viele tolle Städte und atemberaubende Landschaften gesehen, doch habe ich noch viele Pläne, was ich sonst noch sehen möchte.

Danke, an alle, die mich in diesem Jahr finanziell, und auch gedanklich unterstützen. Ich bin sehr dankbar, dass ich all diese wundervollen und prägenden Erfahrungen machen darf und weiß, dass dies ohne Ihre Unterstützung nicht möglich wäre!

Darüber hinaus würde sich auch mein Projekt Beit Perry über Spenden finanzieller Art freuen. So kann sichergestellt werden, dass die hier lebenden Autisten auch weiterhin eine so vielfältige Freizeitgestaltung haben und individuell gefördert werden können. Bei Interesse, senden Sie mir doch bitte eine E-Mail (h.bisdorf@gmx.de).

Lehitra’ot! – Auf Wiedersehen!
Hannah Bisdorf

 

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