KDG-Schülerinnen in weiter Welt

 

Junge Leute aus Wesel sammeln Erfahrungen im Ausland: Heute: Lisa Bauer und Hannah Ventz

INFO: Erster Brief aus Pune

Während Lisa Bauer schon einige Berichte aus Neuseeland für die RP-Leser geschrieben hat, schickte Hannah Ventz jetzt ihren ersten aus Indien, Die 17-jährige Schüle­rin des Konrad-Duden-Gymnasi­ums Wesel lebt seit drei Monaten bei einer Gastfamilie in Pune (7,5 Millionen Einwohner) und be­sucht dort ein College.

 

VON LISA BAUER in RP vom 4.3.2010

WESEL Als Lea und ich nach zweieinhalb Monaten im "Land der weißen Wolke" von der Nord- auf die Südinsel wechselten, stand ganz oben auf der Liste: Auto verkaufen. Nach unseren Pannen im Gebirge und teuren Reperaturen wollten wir unseren roten Van eigentlich nur noch loswerden. Im Nachhinein bin ich froh, dass wir ihm doch noch eine Chance gegeben haben, denn so wurde die Erkundung der Südinsel Neuseelands zu einem unabhängigen und naturnahen Erlebnis.

Mit dem Sommer begann unsere allabendliche Suche nach einem kostenfreien und einigermaßen sicheren Stellplatz für die Nacht. Die Kriterien lauteten: nicht von der Polizei erwischen und sich nicht überfallen lassen. Das Kriterium "Toilette" fiel unter "zu hoher Anspruch" und wurde deshalb recht bald ausgeschlossen. Mit ein wenig Geduld fanden wir so die schönsten Plätze für die Nacht, oft direkt am Meer unter einem atemberaubenden Sternenhimmel. Am Lake Wanaka begegneten wir drei Engländern, die auch nach einem Platz suchten. Wir parkten unsere Autos in einer einsamen Bucht mit einem herrlichen Blick auf die Schneeber­ge und ihrem Spiegelbild im glas­klaren See. Die Jungs machten ein Feuer und wir haben Marshmallows über den Flammen schmelzen lassen und uns am nächsten Mor­gen im See gewaschen. Wir schlie­fen im Van, aßen im Van, lebten im Van und wir gingen ins Bett, wenn es dunkel wurde und wurden mit der Sonne wach. Abends lag ich oft einfach nur da, auf der Suche nach Sternschnuppen, und genoss die­ses Freiheitsgefühl, Unabhängig­keit im Einklang mit der Natur.

Im Herzen des Fjordlands

Die Südinsel bietet traumhafte und vor allem erstaunlich viele un­terschiedliche Paradiese. An der Westküste entdeckten wir die schönsten Strände und bestiegen einen Tag später, nur einige Kilo­meter vom Meer entfernt, einen Gletscher. Weiß leuchtend und un­wirklich schlängelt sich der Franz-Joseph-Glacier durch die grünen Berge bis hinunter ins Tal.

Und an diesem warmen Som­mertag standen wir plötzlich, dick angezogen, mitten im Eis, umgeben von Gletscherspalten, Seen und je­der Menge „crushed ice". Im Milford Sound, dem Herzen des Fjord­landes, verbrachten wir eine halbe Nacht damit, tausende Mücken und Sandfliegen in unserem Van zu beseitigen und entschieden uns an­schließend fürs Schwitzen anstatt fürs Lüften.

Auch Veganer essen lecker

Weihnachten verbrachten wir an der Ostküste bei Christchurch und unser eher zufällig gewähltes Hos­tel am Meer entpuppte sich als Glücksgriff. Wir genossen es, end­lich mal wieder richtig kochen zu können, und ein Bett und ein Zim­mer sind auch etwas Tolles, wenn man so lange in einem Auto ge­schlafen hat. Ansonsten muss ich sagen, dass sich Weihnachten im Sommer mit unechtem Weih­nachtsbaum und ohne Familie ein­fach nicht wie Weihnachten an­fühlt. Also nannten wir es Sommer­fest und legten uns an den Strand.

Aber mit dem neuen Jahr ging un­ser Nomadenleben zu Ende. Wir verkauften unseren guten alten Van in Christchurch und fuhren mit dem Bus zu einer Farm, auf der wir für Essen und Unterkunft arbeite­ten. Wir lebten bei Veganern und lernten einiges über ökologischen Anbau. Wer hätte gedacht, dass man auch als Veganer abwechs­lungsreich und lecker essen kann. Lea und ich wohnten im Wohn­wagen und genossen es, wieder ei­nen routinierten Alltag zu haben. Fünf Stunden am Tag kämpften wir mit Unkraut, manchmal brannte uns die Sonne arg im Nacken. Nach fast fünf gemeinsamen, atembe­raubenden Monaten sagten Lea und ich einander Lebwohl. Nun bin ich allein, genieße meine letzten Wochen im Land der weißen Wolke.

 

WESEL (RP) Mit dem Schüleraus­tausch des Rotary Clubs Wesel-Dinslaken ist Hannah Ventz (17) in Indien (siehe Info). Heute berichtet sie über ihre ersten Eindrücke:

„Namastee! Übersetzt: Das Licht in mir grüßt das Licht in dir. Wenn man das, so wurde mir hier gesagt, versteht, versteht man Indien. Al­lerdings ist es gar nicht so einfach, ein Land, noch dazu ein Land wie Indien, in seiner ganzen Vielfalt zu begreifen. Noch immer entdecke ich fast jeden Tag etwas Neues.

Seit drei Monaten bin ich jetzt schon hier und kann es kaum fas­sen. Einerseits ist es als wäre ich erst gestern angekommen und anderer­seits als würde ich hier schon eine geraume Zeit verbringen. Und das ist also mein erster Bericht aus Pune, Indien. Indien, einem eigent­lich unbeschreiblichen, weil so ab­wechslungsreichen Land. Einem Land, geprägt von einer über 5000 Jahren alten Tradition und Ge­schichte, seinen Menschen und den verschiedensten Religionen. Auf der einen Seite hält es an seiner Vergangenheit fest, auf der anderen Seite macht es sich bereit für die Zu­kunft auf der Überholspur.

Auf dem Weg zur Weltmacht

Indien ist im Wandel. Im Wandel, in weniger als 50 Jahren zu einer neuen Weltmacht zu werden. Und ich habe die Möglichkeit, diesen Wandel mitzuerleben und mich mit dem Subkontinent zu verändern. Dieses Jahr wird für mich unver­gesslich sein, den Einblick in eine völlig andere Kultur, andere Men­schen, mit all ihren Besonderheiten - es prägt und macht toleranter. Mit meiner Gastfamilie verstehe ich mich richtig gut! Ich lebe zusam­men mit meiner Mutter Druthi, meinem Vater Rajesh, meiner Schwester Nirmitee, die jetzt je­doch in Deutschland ist, meinem Bruder Amrut und meiner Maide, die hier alle nur „naani" nennen, was so viel wie Großmutter bedeu­tet. Daran, dass ich hier eine Maide und noch drei weitere Angestellte im Haus habe, musste ich mich erst einmal gewöhnen. Meine Familie besitzt die Hotel-/Restaurantkette „Little Italy", die sich über ganz In­dien erstreckt. Wegen der vielen Ar­beit sehe ich meinen Vater nicht so häufig, habe dafür ein umso besse­res Verhältnis zu meiner Mutter.

Die Armut, die man aus Filmen wie „Slumdog  Millionär" kennt, existiert hier wirklich. Man wird täglich damit konfrontiert. Auf dem Weg zur Schule, wenn man am Slum vorbeifährt, wenn man an der Ampel anhält und Bettler kommen usw.... Einmal, als ich in der Riksha saß und an der Ampel anhalten musste, kam eine junge Frau mit ei­nem Baby auf dem Arm. Sie hat den Kopf des Kindes genommen, an meinem Bein gerieben und zu mei­nen Füßen geführt. Das war, glaube ich, das Extremste, was mir in dieser Hinsicht passiert ist.

Aber auch wenn die Armut schrecklich ist, finde ich, dass sie trotzdem immer nur ein Aspekt ist und nicht das ganze Bild Indiens. Es gibt hier so viel mehr. Indien lebt! Auf der Straße wimmelt es vor Menschen. Man kann jede Art Mensch sehen. Kinder und Greise, Frauen und Männer, Arme und Reiche, Bettler und Geschäftsmänner, Frauen in Saris oder T-Shirts. Die Straßen sind überfüllt mit zu schnellen Bikes, Autos, großen Bus­sen und nicht zu vergessen Rikshas. Alle versuchen, sich laut hupend, durch jede auch noch so klein er­scheinende Lücke im Verkehr zu quetschen. Man kann sagen, dass Inder die besten Autofahrer der Welt sind. Wenn man in Indien fah­ren kann, kann man es überall. Ver­sucht man aber, eine Straße zu überqueren, sollte man nie (!) da­von ausgehen, dass irgendein Fahr­zeug langsamer wird, geschweige denn anhält! Stattdessen werden sie schneller, sofern es der Verkehr denn erlaubt, um noch gaaaaanz knapp an dir vorbeifahren zu kön­nen. Auch daran gewöhnt man sich.

Büffelmilch und Chili

Genauso wie an das Essen. Ich mag es wirklich gerne. Aber beson­ders am Anfang hatte ich die meiste Zeit über keine Ahnung, was genau ich da eigentlich esse. Und selbst jetzt bin ich mir nicht immer sicher. Gerade erst habe ich erfahren, dass ich seit drei Monaten warme Büffel­milch trinke. Die fünf Hauptbe­standteile indischen Essens sind Reis, Chapati (Brot), Milch, Zucker und Chili. Auch mit der Schärfe habe ich mich vertraut gemacht. Nachdem ich letzten Sonntag aus Versehen etwas Chili gegessen hatte und jetzt, glaube ich, abgehärtet bin, habe ich heute zum ersten Mal Chili-Paste probiert. Und ich konn­te sie ohne Probleme essen! Ich war wirklich stolz auf mich.
RP vom 4.3.2010

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