Turbo-Abitur stresst Schüler

 

Das Abitur nach zwölf Jahren ist umstritten: Die Schüler sind gestresst, die Lehrer ratlos, wie sie die Stofffülle in weniger Zeit vermitteln sollen. Ein Krisengipfel im Schulministerium mit Eltern und Lehrern beschloss einen Maßnahmenkatalog zur Entschärfung der Probleme.

VON JENS VOSS in RP vom 9. Februar 2008

DÜSSELDORF Gab es bei den Kopfno­ten noch offenen Streit, ging jetzt alles geräuschlos über die Bühne: Schulministerium, Lehrer- und El­ternvertreter haben sich auf einen unserer Zeitung vorliegenden Maß­nahmen-Katalog geeinigt, wie Pro­bleme der verkürzten Schulzeit bis zum Abitur abgefedert werden sol­len. Das Thema ist brisant: In Hes­sen soll der Unmut über das „Tur­bo-Abitur" nach zwölf Jahren ein wesentlicher Grund für die Verluste von Roland Koch gewesen sein. Hessen hat reagiert und deutliche Änderungen angekündigt. Nun handelt auch NRW.

Der Tenor ist immer derselbe: Die Leistungsverdichtung führt vor al­lem für die jüngeren Schüler zu Be­lastungen, die Eltern als unzumut­bar empfinden. Auch die Lehrer wissen nicht recht, welchen Stoff sie denn nun in der kürzeren Zeit vermitteln sollen - die Lehrpläne sind nach wie vor so allgemein ge­halten, dass unklar ist, wo der Stoff gestrafft werden soll. Im Januar trat daher in Düsseldorf ein kleiner Kri­sengipfel zusammen: Vertreter des Philologen-Verbandes, der NRW-Direktorenvereinigungen, der Lan­deselternschaft der Gymnasien tra­fen sich mit Schulstaatssekretär Günter Wienands. Sie einigten sich auf ein Bündel von Maßnahmen, mit dem die Belastung für die Schü­ler in Grenzen gehalten und den Lehrern bei der Unterrichtspla­nung geholfen werden sollen. In diesem Punkt erreichte der NRW-Philologenverband mit seinem Chef Peter Silbernagel ein wichtiges Ziel: Die Vorstellung, dass jede Schule das Rad neu erfinden und einen gestrafften Lehrplan ausar­beiten müsste, wurde als Ressour­cenverschwendung empfunden. Folgendes wurde verabredet:

In der fünften und sechsten Klas­se soll an höchstens einem Nach­mittag Unterricht stattfinden, in der Stufe sieben und acht an höchstens zwei Nachmittagen pro Wo­che. Das wird in der Praxis wohl dazu führen, dass die Schulnachmittage länger werden. Klassenar­beiten dürfen nachmittags nicht geschrieben werden. Hausaufga­ben sollen an Tagen mit Nachmittagsunterricht in den Fächern ent­fallen, die am Folgetag auf dem Stundenplan stehen. Bei Nachmit­tagsunterricht sollen die Schüler eine Mittagspause von einer Stunde haben - nur für eine Übergangszeit sind verkürzte Pausen zulässig.

Die Schulen sollen besser die Möglichkeit nutzen, die Wochen­stundenzahl zu variieren und die jüngeren Schüler zu entlasten. Der Rahmen liegt für die Klassen fünf und sechs bei 30 bis 33, für die Stu­fen sieben und acht bei 31 bis 34 und für die Klasse neun bei 32 bis 35 Stunden. Zudem sollen Förder­stunden (nicht für alle Schüler ver­bindlich) klar ausgewiesen werden, damit Eltern und Schüler höhere Wochenstundenzahlen akzeptie­ren. Einer der dicksten Brocken: Das Schulministerium will Muster­lehrpläne mit genaueren Stoffvor­gaben entwickeln. Bis zum neuen Schuljahr sollen die Lehrpläne in Deutsch, Englisch Mathematik, La­tein und Französisch präzisiert werden - damit klarer wird, welcher Stoff verzichtbar ist.

INFO: Länder-Vergleich

Das Abitur nach zwölf Jahren haben eingeführt: Baden-Würt­temberg, Bayern, Berlin, Branden­burg, Bremen, Hamburg, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Nie­dersachsen, NRW, Saarland, Sach­sen-Anhalt, Sachsen, Schleswig-Holstein (ab 2008/09), Thüringen. Rheinland-Pfalz hat durch Verkür­zung des 13. Schuljahres das Abitur nach 12,5 Jahren; ab 2008 können einige Gymnasien den G-8-Strang (Abi nach 12 Jahren) einführen.

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