Karl Straube

 

Als der Straubeschüler Johannes Piersig 1932 sein Kantorenamt in Breslau antrat, wurde er dem großen Pianisten des damaligen deutschen Ostens, Ritter Bronislaw von Pozniak, vorgestellt. Bei Piersigs Bemerkung, er habe bei Karl Straube studiert, meinte dieser spontan: „No, sagen w'r holt: beim lieben Gott."

Tatsächlich umgibt noch heute das damalige Kirchenmusikalische Institut der Sächsischen Landeskirche, das Straube 1919 am Leipziger Konservatorium begründete und mit Lehrkräften allerersten Ranges auszustatten wußte, ein legendärer Ruf. Das gilt vor allem aber für Straube, den deutschen „Organisten­macher" der Weimarer Zeit, der an das bis dahin überragende Niveau der französischen Organistentradition anzuknüpfen vermochte sowie das fast untergegangene Kantorenamt wiederbeleben half.

Geboren am 6. Januar 1873 als Deutsch-Engländer in Berlin, verbrachte er dort seine Jugend wie auch sein Studium. Als die Weseler Kirchengemeinde nach Abschluß der Restaurierungsarbeiten an der Willibrordi-Kirche und dem Bau der großen Sauer-Orgel einen herausragenden Organisten suchte, berief sie Straube, der während seiner Weseler Zeit von 1897 bis 1902 seinen Ruf als führender deutscher Orgelvirtuose noch ausbauen konnte. Er stand in enger Verbindung mit dem gleichaltrigen Max Reger, dessen monumentale Orgel­kompositionen er z.T. in Wesel uraufführte. Reger komponierte ihm sogar für seine (bescheidene) Weseler Chorarbeit Choralliteratur. Als Musikdirektor der evangelischen Kirchengemeinde leitete er auch den Schulchor des Königlichen Gymnasiums nebst Realschule, das traditionell in einer engen Beziehung zur Willibrordi-Kirche stand.

Die Folge seiner Aufsehen erregenden Konzerte mit Programmen von Bach bis Reger war die Berufung als Thomasorganist nach Leipzig, 1903 die Leitung des dortigen Bachvereins und 1918 bis 1939 schließlich das Thomaskantorat. Im Interesse einer systematischen Bachpflege verzichtete er völlig auf eine weitere Karriere als Orgelvirtuose und begann u.a. wieder regelmäßig mit sonntäglichen Bachkantaten an St. Thomae und St. Nikolai zusammen mit dem Gewandhaus­orchester.

Durch die gleichzeitig sich ereignende Orgelbewegung beeinflusst, stritt er überzeugt und überzeugend für die barocke „Bachorgel" und für einen neuen Bachstil - historischer, schlanker, nicht mehr neu orchestriert (Wagnertradition!), intimer.

Über den Pädagogen Straube berichtet der anfangs erwähnte Piersig: „In greller Kurzformel: Straube verwirklichte sich sozusagen als Summe aller Pädagogik; und zugleich: er persönlich hatte von Pädagogik Null Komma Kaum eine Ahnung...... Der Endeffekt hat Straubes Verfahren in der musikalischen Leistung seiner Schüler fast immer recht gegeben." Straube starb am 27. April 1950 in Leipzig. Auch wenn heute alte (Orgel-) Musik anders gespielt wird, bleiben seine historischen Verdienste unvergessen.

Gerd Schieferstein, Bad Sachsa

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